KI-Skripte für Videos: Chancen und Grenzen
Max Weber
Senior Video Editor
Ich habe in den letzten zwölf Monaten über 50 KI-generierte Video-Skripte gelesen. Manche waren überraschend gut, die meisten waren mittelmäßig, und einige waren so schlecht, dass wir sie komplett neu geschrieben haben. Hier meine ehrliche Einschätzung, wo KI bei der Videoproduktion hilft — und wo sie es definitiv nicht tut.
Das Thema KI im Videobereich ist in der deutschen Agenturlandschaft kontrovers. Die einen sehen darin die Zukunft, die anderen eine Bedrohung. Ich sehe beides — und vor allem eine Menge Missverständnisse.
Was KI beim Skript-Schreiben gut kann
Fangen wir mit dem Positiven an. Es gibt tatsächlich Bereiche, in denen KI-Tools wie ChatGPT, Claude oder Jasper die Skript-Erstellung deutlich beschleunigen.
Erste Entwürfe und Struktur
KI ist exzellent darin, aus einem Briefing einen ersten Entwurf zu generieren. Die Grundstruktur steht innerhalb von Minuten: Intro, Problem, Lösung, CTA. Für ein einfaches Erklärvideo kann dieser erste Entwurf eine brauchbare Ausgangsbasis sein. Statt vor einem leeren Dokument zu sitzen, hat der Texter sofort etwas, das er überarbeiten kann.
Recherche und Faktensammlung
Für das Zusammentragen von Hintergrundinformationen — Branchendaten, Statistiken, technische Erklärungen — ist KI ein enormer Zeitsparer. Was früher eine Stunde Google-Recherche gekostet hat, liefert die KI in Sekunden. Natürlich muss man die Fakten verifizieren, aber als Ausgangspunkt funktioniert es.
Varianten und A/B-Testing
Braucht man drei verschiedene Versionen eines Sprechertextes für A/B-Tests? KI liefert Varianten in Minuten. Unterschiedliche Tonalitäten, unterschiedliche Einstiege, unterschiedliche CTAs — das ist ein Bereich, in dem die Geschwindigkeit der KI wirklich glänzt.
Übersetzungen und Lokalisierung
Ein deutsches Skript soll auf Englisch und Französisch adaptiert werden? KI-Übersetzungen sind heute erstaunlich gut. Nicht perfekt, aber eine solide Basis, die von einem Muttersprachler nur noch feingeschliffen werden muss.
Wo KI an ihre Grenzen stößt
Jetzt zum weniger schönen Teil. Und hier wird es wichtig, denn diese Grenzen werden in der Hype-Berichterstattung oft unterschlagen.
Brand Voice und Tonalität
Jede Marke hat eine eigene Stimme. Die Art, wie BMW kommuniziert, unterscheidet sich fundamental von der Art, wie ein Berliner Startup redet. KI kann eine generische professionelle Tonalität produzieren, aber die spezifische Brand Voice — die kleinen Nuancen, die Wortwahl, der Rhythmus — das bekommt sie nicht hin.
Wir hatten einen Fall, wo ein Kunde das KI-Skript als "zu generisch" abgelehnt hat. Es war technisch korrekt, inhaltlich vollständig, aber es klang nicht nach der Marke. Es fehlte die Seele.
Emotionale Nuancen und Humor
Ein Recruiting-Video soll authentisch und sympathisch wirken. Ein Imagefilm soll Gänsehaut erzeugen. Ein Produktvideo soll Begeisterung wecken. Diese emotionalen Nuancen sind für KI nach wie vor eine Herausforderung. Besonders Humor ist ein Minenfeld — was KI für witzig hält, ist oft bestenfalls flach.
Pro-Tipp: Nutzt KI für die Struktur und die Fakten, aber schreibt die emotionalen Passagen — Intro, Outro, Überzeugungsmomente — selbst. Die Kombination aus KI-Effizienz und menschlicher Kreativität ist stärker als beides allein.
Kulturelle Kontexte im DACH-Raum
KI-Modelle sind überwiegend auf englischsprachige Daten trainiert. Wenn es um spezifisch deutsche, österreichische oder schweizerische Kontexte geht — Redewendungen, kulturelle Referenzen, regionale Besonderheiten — wird es dünn. Ein Skript für ein bayerisches Traditionsunternehmen braucht einen anderen Ton als eines für ein Wiener Fintech. KI macht hier oft subtile Fehler, die einem deutschsprachigen Zuschauer sofort auffallen.
Strategische Tiefe
KI kann beschreiben, aber schlecht argumentieren. Ein gutes Video-Skript baut ein Argument auf: Es nimmt den Zuschauer an die Hand, führt ihn durch ein Problem und präsentiert die Lösung so, dass sie unvermeidlich erscheint. Diese strategische Tiefe — das "Warum" hinter jedem Satz — fehlt KI-generierten Skripten fast immer.
EU AI Act: Was deutsche Agenturen beachten müssen
Seit dem Inkrafttreten des EU AI Act gelten auch für KI-generierte Inhalte neue Regeln. Für Videoagenturen in Deutschland relevant: Transparenz bei KI-generierten Inhalten ist Pflicht, wenn sie als menschlich erstellte Inhalte ausgegeben werden könnten. Bei der Nutzung von KI für Kundenprojekte sollte das im Vertrag geregelt sein. Und die Verantwortung für die Inhalte liegt weiterhin bei der Agentur, nicht bei der KI.
Wir informieren unsere Kunden proaktiv, wenn wir KI-Tools im Skript-Prozess einsetzen. Das schafft Vertrauen und ist rechtlich auf der sicheren Seite.
Unser KI-Workflow für Video-Skripte
Nach einem Jahr Experimentation haben wir einen Workflow gefunden, der funktioniert:
- Briefing analysieren — menschlich
- Recherche und Faktensammlung — KI-unterstützt
- Erster Strukturentwurf — KI generiert, Mensch überprüft
- Kreative Überarbeitung — komplett menschlich
- Feinschliff und Brand Voice — komplett menschlich
- Kunden-Review — menschlich
Pro-Tipp: Trainiert euer KI-Tool mit Beispielen eurer besten Skripte. Die Ergebnisse werden deutlich besser, wenn die KI euren Stil kennt. Wir nutzen dafür Custom Instructions mit Auszügen aus unseren erfolgreichsten Projekten.
Fazit: KI ist ein Werkzeug, kein Ersatz
KI-Skripte für Videos sind weder die Revolution noch die Katastrophe, als die sie oft dargestellt werden. Sie sind ein Werkzeug. Ein gutes Werkzeug in den richtigen Händen, ein schlechtes in den falschen.
Für Videoagenturen im DACH-Raum lautet meine Empfehlung: Experimentiert mit KI, integriert sie in euren Workflow, aber verlasst euch nicht blind darauf. Die besten Video-Skripte entstehen, wenn menschliche Kreativität und KI-Effizienz zusammenarbeiten. Und der kreative Funke — der bleibt vorerst uns Menschen vorbehalten.